Bewerbermangel: Azubis aus Tarragona

So unterschiedlich der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF und das Frankfurter Sanitärhaus Bruder & Feucht auch sind, sie haben zumindest eines gemeinsam: Beide finden hierzulande nur noch selten die passenden Auszubildenden und setzen nun auf das krisengeschüttelte Spanien. Deshalb hat sich der BASF-Ausbildungsleiter Richard Hartmann gerade auf den Weg ans Mittelmeer gemacht, um in der Küstenstadt Tarragona mit der dortigen Berufsschule einen Kooperationsvertrag zu unterzeichnen. Im Gepäck hat der deutsche Manager zwanzig zu besetzende Lehrstellen.

Zwei Lehrlinge aus Spanien möchte auch der Mittelständler Bruder & Feucht einstellen. Er hofft, beim anstehenden Schnupperpraktikum fündig zu werden. An diesem Montag werden 40 junge Spanier für zehn Tage zu Gast in hessischen Sanitärbetrieben sein. Das Bundesland Hessen und die Handwerkskammer Rhein-Main haben das Projekt zur Fachkräftesicherung mit der Region Madrid ins Leben gerufen, um die Not der hiesigen Wirtschaft zu lindern. „Für das Jahr 2013 haben wir keine einzige inländische Bewerbung erhalten“, sagt Unternehmerin Sonja Feucht.

Deutschland erscheint wie ein Gegenentwurf

Europa ist wirtschaftlich tief gespalten, auch an den Arbeitsmärkten könnte die Kluft zwischen Nord und Süd kaum größer sein. Häufig sind es junge Menschen, die von Portugal bis Zypern keine Stellen finden. In Griechenland und Spanien bewegt sich die Arbeitslosenquote für Personen unter 25 Jahren auf die Marke von 60 Prozent zu, auch in Portugal und Italien sind die Perspektiven düster. Wer der Tristesse nicht durch längeres Drücken der Schulbank entgeht oder an die Universität flüchtet, der sucht sein berufliches Glück im Ausland. Als Zielland wird Deutschland attraktiver, das mit weniger als 8 Prozent die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union hat, wo fast jeder vierte junge Mensch betroffen ist.

Da erscheint Deutschland wie der Gegenentwurf zu großen Teilen des Kontinents. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, dagegen werden Fachkräfte in einigen Bereichen und Regionen knapp. Die Bundesagentur für Arbeit vermittelt auf Anfrage ihrer südeuropäischen Schwesterorganisationen längst länderübergreifend zwischen deutschen Arbeitgebern und ausländischen Kräften – vom Ingenieur bis zum Krankenpfleger. Auch regionale Bündnisse entstehen. Hessens Sozialminister empfing Anfang des Jahres zum Start eines Modellprojektes den ersten spanischen Pfleger am Frankfurter Flughafen, der künftig in Südhessen sein Geld verdienen wird. Zwar sind die absoluten Zuwanderungszahlen aus Südeuropa nach Deutschland, verglichen mit denen etwa der Mittel- und Osteuropäer, immer noch überschaubar. Dafür weisen Griechen (plus 78 Prozent im ersten Halbjahr 2012), Spanier und Portugiesen (jeweils plus 53 Prozent) die höchsten Wachstumsraten auf. Diese Tendenz dürfte sich seitdem noch verfestigt haben.

Das Anwerben ausländischer Spezialisten und Facharbeiter gehört gerade für Konzerne in einer globalisierten Wirtschaft zwar schon lange zum Tagesgeschäft. Dass sich die grenzüberschreitenden Suchaktivitäten aber auch auf den Ausbildungsmarkt erstrecken, ist in der Tat neu, zumal für den Mittelstand. Doch die Not ist groß. Wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, wurden 2012 rund 3 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Jahr zuvor.

Die Arbeitgeber führen als Grund neben den demographisch bedingt rückläufigen Schulabgängerzahlen auch den Trend unter den Verbleibenden zum Besuch einer Hochschule an. Besonders angespannt ist die Lage in Ostdeutschland, wo sich der Geburtenknick nach der Wende bemerkbar macht. Das Handwerk hatte deshalb auf der Suche nach Nachwuchs seine Fühler schon nach Polen ausgestreckt, allerdings wenig erfolgreich. In Südeuropa und vor allem Spanien scheinen die Vorzeichen besser zu stehen.

Deutsches Ausbildungssystem als Vorbild

Auch der größte Chemiekonzern der Welt setzt auf diese Karte und sucht junge Spanier, die am Ende ihrer Ausbildung als Chemikant am BASF-Stammwerk im pfälzischen Ludwigshafen bleiben sollen. Das deutsche duale Ausbildungssystem gilt in vielen Ländern mittlerweile als Geheimwaffe gegen Jugendarbeitslosigkeit und wird häufig kopiert. Die zwanzig Auserwählten werden anfangs in Spanien in die Berufsschule gehen und arbeiten parallel im BASF-Werk in Tarragona. Während dieser Zeit lernen sie Deutsch. Nach einem Sprachintensivkurs geht es dann in einen ersten mehrwöchigen Praxiseinsatz in die Pfalz. Im zweiten Jahr pendeln die Lehrlinge zwischen Spanien und Deutschland. Den Schlussabschnitt absolvieren sie in den Produktionsbetrieben in Ludwigshafen, in denen sie später als fertig ausgebildete Chemikanten auch arbeiten werden. Das zumindest ist die Hoffnung des Konzerns, denn verpflichten kann er die Auszubildenden dazu nicht. Sie unterschreiben lediglich eine Absichtserklärung. Immerhin: Im ersten Jahr als Facharbeiter verdient ein Chemikant nach BASF-Angaben im Durchschnitt knapp 3500 Euro brutto im Monat.

Als global agierender Dax-Konzern bekommt BASF zwar immer noch Bewerbungen in Hülle und Fülle. Die Zahl derjenigen, die als Anlagenfahrer und Facharbeiter in die Produktion wollten, sinke aber stetig, sagt eine Sprecherin. Erschwerend komme hinzu, dass in Deutschland die Zahl der „nicht ausbildungsreifen“ Jugendlichen wachse. Der Konzern, der alleine in Ludwigshafen mehr als 30000 Mitarbeiter beschäftigt und zuletzt 750 eigene Ausbildungsplätze und 250 weitere für Partnerunternehmen aus der Region zur Verfügung stellte, hat deshalb seine Anwerbestrategie verändert. Er bereitet nun in einjährigen Vorbereitungskursen auch solche Jugendliche auf den Start der Berufsausbildung vor, die Schwierigkeiten mit dem Hauptschulabschluss haben. Die Lehrlingswerbung in Spanien ist ein weiterer ungewöhnlicher Versuch, dem absehbaren Mangel an Facharbeitern entgegenzuwirken.

 

 

Zuerst erschienen auf:

http://www.faz.net/frankfurter-allgemeine-zeitung/bewerbermangel-azubis-aus-tarragona-12145638.html