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Erziehung / Bildung

Lehrberufe – Instrumentenbau: Wo Tischlern, Akustik und Architektur zusammenkommen

Lehrlinge im Instrumentenbau benötigen Geduld, Liebe zum Detail und körperliche Belastbarkeit. Aber auch technisches und musikalisches Verständnis sind gefragt

Zither und Akkordeon erklingen im Treppenhaus, es duftet nach Holz, und im Klassenzimmer hängt eine Klaviatur an der Wand. Die Wiener Berufsschule für Holz, Klang, Farbe und Lack (BS HKFL) versammelt Lehrlinge elf verschiedener Lehrberufe unter einem Dach. Neben Herkömmlichem wie Tischlerei und Lackiertechnik werden hier auch Lehrgänge für Bildhauerei und Musikinstrumentenerzeugung angeboten.

Die Schüler und Schülerinnen der Klassen für Musikinstrumentenerzeugung (MUS) kommen aus ganz Österreich nach Wien, um ergänzend zur betrieblichen Ausbildung die Berufsschule zu besuchen. „Seit rund 50 Jahren hat sich der bundesweite Lehrgang für Instrumentenbau in Wien etabliert“, sagt der Fachlehrer und Orgelbaumeister Ulrich Riediger.

Heterogene Klassen

Seit 27 Jahren unterrichtet Riediger die MUS-Klassen in Fächern wie Akustik, Angewandte Mathematik, Angewandte Physik und Technologie. Spannend ist für ihn „die heterogene Zusammensetzung der Klassen“, betont er. „Die Schüler haben unterschiedliche Zugänge: von Pflichtschulabgängern über Maturanten, Personen, die schon einen anderen Beruf erlernt hatten, bis zu mitunter fertigen Akademikern ist alles dabei.“ Ein Drittel der Instrumentenbaulehrlinge ist weiblich.

Von der Monarchie bis zum Zweiten Weltkrieg wurden in Wien Lehrlinge im Instrumentenbau ausgebildet. „Mit den Modellen aus dieser Zeit arbeiten wir heute noch“, sagt Riediger. Auf der gemeinsamen Stundentafel stehen auch Fächer wie Rechnungswesen, Politische Bildung und berufsbezogenes Englisch. Für die spezielle Instrumentenkunde, computergestütztes Fachzeichnen und das Praktikum in den Werkstätten werden die Schüler nach Lehrberufen aufgeteilt.

Orgelbau: Von Akustik bis Zimmereitechnik

„Das Besondere am Orgelbau ist, dass viele Berufe in einem zusammengefasst sind“, sagt Riediger. Techniken und Fertigkeiten aus (Kunst-)Tischlerei, Metallverarbeitung, Architektur, Elektronik und Akustik vereinen sich in einem Berufsbild. Ebenso kommen Design, Zimmerei- und Restauriertechniken zum Einsatz. „Der Orgelbau bietet eine universelle handwerkliche Ausbildung.“ Geduld, Liebe zum Detail und körperliche Belastbarkeit, aber auch feinmotorische Fähigkeiten, technisches und musikalisches Verständnis sollten Orgelbaulehrlinge mitbringen. Am wichtigsten aber sei „das Interesse am Produkt“.

Martin Behringer bringt all das mit. Von Deutschland kam er nach Dornbirn, um in der Firma Rieger Orgelbau eine Lehre zu beginnen. Der Orgelbaulehrling schätzt das innovative Produkt und das attraktive Ausbildungsangebot. „Es ist sehr abwechslungsreich, und innerhalb des Berufs ist eine Spezialisierung möglich“, sagt Behringer. Er selbst spielt Klavier und Orgel, bei einem Kurs für Kirchenmusiker hat ihn „der Orgelbau gepackt“.

Besondere Bindung zum Blechblasinstrument

Ideale Voraussetzung für eine langjährige Berufskarriere. „Wenn jemand selbst spielt, besteht eine besondere Bindung zum Instrument. Das Verschmelzen von Hobby und Beruf bringt meist die besten Leute hervor“, sagt Johann Schnaubelt. Der Meister in Blechblasinstrumentenerzeugung unterrichtet seit 15 Jahren die jeweiligen Schüler in den MUS-Klassen.

Wichtig ist ihm, dass im Lehrgang „was Sinnvolles entsteht, etwas, das die Schüler und Schülerinnen zu Hause herzeigen können“. Seit seiner Jugend spielt Schnaubelt in einer Musikgruppe, der Einstieg in den Instrumentenbau verdankt sich einem Zufall: „Meine Trompete war kaputt, ich brachte sie zur Reparatur, und von da an wollte ich Blechblasinstrumentenerzeuger werden.“ Für die Lehre im Musikhaus Votruba, wo er bis heute arbeitet, übersiedelte er 1989 nach Wien.

Mechanik ausbauen, reinigen und Teile erneuern – das Restaurieren von Holzblasinstrumenten macht Maria Wallmann, die selbst Saxofon und Flöte spielt, besondere Freude. Als Lehrling der Holzblasinstrumentenerzeugung arbeitet sie in der Holzbläserwerkstatt Andreas Stolz in Innsbruck. Wallmann ist glücklich in ihrem Beruf. „Du arbeitest mit den Händen und siehst am Ergebnis, was du geschafft hast“, sagt die Kapellmeisterin aus Tirol.

Instrumentenbaudynastie

Das macht für Lisa-Maria Schwarz das Besondere am Instrumentenbau aus: „Die Menschen haben Freude mit dem, was ich gemacht habe.“ Schwarz lernt Harmonikamacherin bei Harmonika Müller und ist „mit dem Instrumentenbau groß geworden“. Seit 1679 stellt die Familie Schwarz in Molln in Oberösterreich Maultrommeln her, ihr Großvater begann vor mehr als 35 Jahren auch, Steirische Harmonikas zu bauen. Im Volksschulalter fing die Berufsschülerin an, Zither und Harmonika zu spielen. „Wenn du selbst spielst und baust, lernst du das Instrument von zwei unterschiedlichen Seiten kennen.“

Handwerk wie vor 300 Jahren

Das möchte auch Günther Meinhart. Er spielt Gitarre und arbeitet bei Fant Guitars in Faistenau in Salzburg. Lange schon hatte der gelernte Elektriker den Wunsch, „etwas Kreatives zu machen“. An der Streich- und Saiteninstrumentenbaulehre fasziniert ihn, dass „heute vieles so gemacht wird wie bereits vor 300 Jahren“.

Der Zugang zur Ausbildung war früher jedoch durch das Zunftwesen nördlich der Alpen, beispielsweise im Geigenbau, streng reglementiert, erklärt Matthias Bölli. Der Meister im Streich- und Saiteninstrumentenbau unterrichtet die jeweiligen Schüler in den MUS-Klassen und arbeitet für den Geigenhersteller Bölli & Münzberg in Wien. „Das Handwerk kann man üben. Wichtig ist, dass bei den Lehrlingen die Motivation und der Wunsch zu lernen bestehen.“

Millimeterarbeit im Klavierbau

Für Monika Schwarz war klar war, dass sie nach der Matura „was mit Musik“ machen wollte. Sie lernt Klavierbau in der Bösendorfer-Klavierfabrik. Besonders gern verrichtet sie „die feinen Arbeiten. Zum Beispiel Mechanikeinstellen, Stimmen und Intonieren.“

Diese Millimeterarbeit gestaltet sich nicht immer einfach, „der Umgang mit Werkzeug war ungewohnt für mich, alles war so neu, aber sehr spannend“, erinnert sich Tamara Bruckner. Nach einem Arbeitsalltag in der Gastronomie begann sie eine Klavierbaulehre im Klavierhaus Langer in Klagenfurt. „Musik ist mein Hobby. Ich habe mich richtig entschieden.“ Sie möchte auch andere zu einer Instrumentenbaulehre motivieren. Menschen, die neue Musikinstrumente bauen oder alte restaurieren, sagt sie, tragen dazu bei, „die Musik in die Welt zu bringen“.

Die Ethik des Unerreichbaren

Beim Bauen, Stimmen und Festlegen zahlreicher Details sind für Adam McCartney „sowohl Fragen der Ästhetik als auch der Ethik“ von Bedeutung. Der aus Irland stammende Klavierbaulehrling hat bereits Komposition in Graz studiert. „Für den Beruf lernt man die objektive und statische Beschreibung eines dynamischen Phänomens – der Musik.“ Die Idee des reinen Stimmens ist für McCartney „eine abstrakte Idee, die nicht verwirklichbar ist. Die Kunst liegt im Ergebnis des Versuchs, etwas Unerreichbares zu erreichen.“ (Victoria Windtner, 9.11.2015)

Die Berufsschule für Holz, Klang, Farbe und Lack bildet in den Lehrberufen Klavier- und Cembalobau, Orgelbau, Harmonikamacher/-in, Blech- und Holzblasinstrumentenerzeugung und Streich- und Saiteninstrumentenbau aus. Organisiert wird der Unterricht in Lehrgängen zu je neun Wochen pro Lehrjahr. Bei den dreieinhalbjährigen Lehrberufen Klavier- und Orgelbau wird zusätzlich ein Lehrgang von vier Wochen abgehalten.

 

Übernommen aus:

http://text.derstandard.at/

Erziehung / Bildung

Ein Handwerk mit viel Bumms

Von der Haubitze aus dem 16. Jahrhundert bis zum Nachbau einer Vorderladerkanone aus dem Dreißigjährigen Krieg: Wer den Betrieb von Stephan Zimmermann im thüringischen Stadtroda aufsucht, hat einen besonderen Wunsch. Zimmermann ist Kanonengießer und hat sich auf den Nachbau von Kanonen, Mörser und Haubitzen nach historischem Vorbild spezialisiert. „Zu uns kommen Mitglieder von Kanonenvereinen und Museumsbetreiber aus Deutschland und der ganzen Welt. Alle wollen sich von uns ihre ganz individuelle Kanone bauen lassen“, erzählt Zimmermann.

Meistens haben die Kunden ganz genaue Vorstellungen von ihrer Kanone. Als Vorlage dienen Bilder, Fotos, historische Zeichnungen oder alte Kupferstiche. „Unsere Kanonen sind originalgetreue Nachbauten und von der Bauart und Qualität vergleichbar mit den historischen Originalen“, sagt Zimmermann. Manchmal soll er aber auch eine ganz neue Waffe entwerfen nach individuellen Wünschen und eigenem Familienwappen darauf. Das Kundengespräch ist daher wichtig. Hier klärt Zimmermann, aus welchem Jahrhundert die Kanone sein soll, ob sie in Originalgröße oder maßstabsgetreu verkleinert sein soll. Welches Material gewünscht ist und welche Verzierungen. Und natürlich muss auch geklärt werden, ob es ein Kanonenrohr und eine Lafette, das heißt einen Unterbau, dazu geben soll. „Abhängig vom ursprünglichen Einsatzort des Geschützes sowie der Epoche bauen wir zum Geschützrohr auch die passende Lafette, beispielsweise Kasemattenlafetten, Blocklafetten oder Burgunderlafetten“, sagt der Kanonengießer nicht ohne Stolz.

 

Bevor es an die eigentliche Umsetzung geht, werden detaillierte technische Zeichnungen angefertigt. Anhand dieser baut Zimmermann zunächst ein präzises Holzmodell vom späteren Kanonenrohr. Auf Detailtreue legt er Wert – die Holzform dient zur Herstellung der eigentlichen Gussform, die aus einem speziellen Sand hergestellt wird. Das Kaliber, das ist die Größe des Schusskanals in dem Kanonenrohr, legt Zimmermann mit einem Metallrohr fest, das an entsprechender Stelle längs in der Mitte der Holzform platziert wird.

Der Sand, der zur Herstellung der Negativform des Kanonenrohres verwendet wird, ist mit einem speziellen Bindemittel versehen und härtet schnell aus. In die Form wird später das flüssige Metall, entweder Bronze oder Eisen, gegossen. „Flüssiges Eisen ist bis zu 1.300 Grad Celsius heiß. Bis ein Kanonenrohr aus Eisen vollständig abgekühlt ist, dauert es ein bis drei Tage, Bronze muss sogar, je nach Größe des Rohres, fünf bis sechs Tage abkühlen“, sagt Zimmermann. Abschließend wird jede gefertigte Kanone einem intensiven Test unterzogen. Dazu macht Zimmermann nach jedem Guss einen Materialtest. Gibt es Hohlstellen im Guss? Hält das Material einem Abschuss stand? Darüber hinaus werden Haltbarkeit und Schusstauglichkeit zusätzlich auch vom Amt für Materialwesen überprüft.  

Die von Hand gebauten Geschütze haben ihren Preis: Von wenigen Hundert Euro für ein maßstabsgetreues Modell bis zu fast 70.000 Euro für ein aufwendig verziertes Bronzerohr inklusive beschlagener Lafette aus Eschenholz werden für die eigene Kanone fällig. 

 

Kanonengießer brauchen technisches Verständnis sowie umfangreiche Kenntnisse im Bereich der Metallproduktion und -bearbeitung. Sie müssen körperlich robust sein und fit in Geschichte. Eine Ausbildung wird in Deutschland nicht angeboten. Zimmermann hat sein Wissen durch intensives Studium von Fachliteratur und seine Arbeit in einer Gießerei erworben. Den Großteil hat er sich durch Learning-by-doing beigebracht. Damit er überhaupt Schusswaffen herstellen darf, war außerdem eine Fachkundeprüfung in der Waffenschule in Suhl nötig. Nur wer sie besteht, ist als eingetragener Hersteller für den Bau von Geschützen befähigt und bevollmächtigt.

Jobs als angestellte Kanonengießer gibt es allerdings kaum. Zwar fertigt Zimmermann in seinem Betrieb mehrere Dutzend Kanonenrohre und komplette Geschütze im Jahr. Er beschäftigt aber keine weiteren Angestellten. „Der Bedarf ist überschaubar, bundesweit weiß ich nur von zwei weiteren Kanonengießern“, erzählt er. Trotzdem findet er den Beruf großartig. „Jeder Auftrag ist ein Unikat und ich übe einen fast einzigartigen Beruf aus. Wer kann das schon von sich behaupten?“

  •  Gehalt: Abhängig von der Auftragslage
  • Arbeitszeit: Abhängig von der Auftragslage
  • Ausbildung: Keine Ausbildung im klassischen Sinne möglich, Vorkenntnisse aus einem metallverarbeitenden Beruf von Vorteil

 

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http://www.zeit.de/karriere/beruf

Erziehung / Bildung

Bewerbermangel: Arbeitgeber wollen Azubis mit Prämien locken

Sie sind heiß begehrt und werden umworben wie Stars. Schulabgänger mit guten Noten können sich ihren Ausbildungsplatz in vielen Regionen Deutschlands mittlerweile aussuchen und dabei auch auf manches Bonbon hoffen. Weil durch Geburtenrückgang und den Trend zum Studium immer weniger geeignete Bewerber am Markt unterwegs sind, müssen sich die Unternehmen viel einfallen lassen, um den Nachwuchs zu locken. Ob Dienstwagen und Smartphone oder eine Schippe drauf bei den Vergütungen – in der Not scheuen manche Firmen keine Kosten und Mühen, um die wachsende Zahl freier Ausbildungsplätze doch noch irgendwie zu besetzen. read more »

Erziehung / Bildung

Gerber: Tote Haut wird Handtasche

 

Weich, anschmiegsam, aber auch robust und strapazierfähig soll es sein. „Leder ist ein faszinierendes und vielseitig verwendbares Naturprodukt. Denken Sie nur mal an die Vielfältigkeit von Lederschuhen“, sagt Thomas Schröer vom Verband der Deutschen Lederindustrie e.V. Wanderschuhe brauchen widerstandsfähiges Leder, Glattlederschuhe dagegen besonders makelloses. Taschen, Kleidung, Möbel, Autositze, Reitsportutensilien – „Leder muss gut aussehen, atmungsaktiv, wasserabweisend und extrem belastbar sein“, sagt Schröer. Alles das aus den Häuten von Tieren rauszuholen, ist ein Job für Gerber. read more »

Bau

Der richtige Umgang mit Handwerksbetrieben

Ein Hausbau ohne Fachkräfte des Handwerks ist nicht vorstellbar. Beginnend vom Maurer und Betonbauer, bis hin zum Elektriker oder Bodenleger: all diese Handwerker sind notwendig, damit der Traum vom Eigenheim Realität wird. Doch nicht immer wird der Begriff ‚Fachkraft‘ seiner Bedeutung gerecht und es kommt im schlimmsten Fall zu Baumängeln. Aufgrund dessen stellt sich die Frage, was gleich von Beginn an beim Umgang mit Handwerkern zu beachten ist, damit möglicher Ärger umgangen werden kann. read more »